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Gesangs-Zucht

Sobald die Tage im Frühling länger und wärmer werden,  kommen die Vögel  in Brutstimmung. Dies beginnt also ca. im März und dauert bis ca. Juli, August an. Dann kommen die Alttiere allmählich in die Mauser (alljährlichen Federwechsel).

Der Erwerb der Henne geschieht am besten schon im Herbst des Vorjahres. Eine gute Eingewöhnung der Henne ist wichtig. Schließlich zieht nur ein Vogel, der sich an seine Umgebung gewöhnt hat, sich sicher fühlt, auch verlässlich seine Jungen auf.
Farbkanarie füttert flügge Jungen

Wenn die Henne in Brutstimmung kommt, fliegt sie ständig flügelschlagend und einen trillernden Lockruf ausstoßend, hin und her. Sollten sich Federn, Wollfäden oder ähnliches in der Nähe befinden, nimmt sie diese gerne in den Schnabel und sucht nach einem geeigneten Platz um mit dem Nestbau zu beginnen.

Spätestens jetzt sollte man die Henne zum Hahn setzen. Oftmals kann man beobachten, dass er auch voll bei der Sache ist und beim Nestbau helfen möchte. Dies ist aber abhängig davon, wie gut sich die Tiere kennen und natürlich vor allem auch, wie sympathisch sich die beiden sind. Ein ideales Pärchen ist jetzt nicht mehr zu bremsen und wirkt richtiggehend verliebt.
Emsig sammeln sie angebotenes Nistmaterial (Scharpie, Kokosfasern), er singt zwischendurch, dann wird etwas geschnäbelt usw. Bei dem ganzen Treiben ist ein ganz leisen Zwitschern von beiden zu hören – sie stehen in ständiger Kommunikation miteinander. Dieses Zusammenspiel ist die beste Voraussetzung für das Gelingen des Brutvorgangs und der Aufzucht.

Als Nest bietet man die halboffenen, überall im Handel käuflichen Nester an. Bei einer Zucht im Käfig sollte man der beengten Verhältnisse wegen ein von außen anzubringendes Nest wählen.

Zusätzlich zum normalen Hauptfutter gibt man jetzt etwas Eifutter und vor allem auch Grünfutter. Letzeres kann man ganzjährig reichen. Beim Eifutter ist auf die richtige Konsistenz zu achten. Es sollte leicht feucht, krümelig und locker sein, zudem angenehm riechen.

Die Eier werden meist in den frühen Morgenstunden gelegt. Die Henne legt insgesamt bis zu 5 Eier – täglich eines. Spätestens am 2. Tag beginnt sie mit dem Brüten. Bei einer Brutzeit von bis zu 14 Tagen bedeutete dies, dass die Jungen nicht am gleichen Tag schlüpfen, sondern täglich eines. Dies mindert die Überlebenschancen der Nachkömmlinge natürlich erheblich. Deshalb nimmt man die Eier nach dem Legen täglich behutsam aus dem Nest und legt der Henne als Ersatz Kunststoffeier unter. Ein sorgsames, sehr vorsichtiges Herausnehmen der Eier ist wichtig, denn sie sind sehr zerbrechlich. Auch ist es mitunter schwierig, die oft schon fest brütende Henne so weit vom Nest zu schieben, dass man überhaupt an die Eier gelangt.

Am 4. Abend ist ein guter Zeitpunkt, die Kunsteier gegen ihre eigenen (sie wurden weich und trocken gelagert) auszutauschen. Alle Küken schlüpfen dann 13 bis 14 Tage später. Nach ungefähr 7 Tagen kann man die Eier durchleuchten. Man nimmt sie ganz vorsichtig heraus und hält sie gegen das Licht. Die durchsichtigen sind unbefruchtet (schier) – man kann sie entfernen. Sollte keines der Eier befruchtet sein, belässt man die Henne besser beim Brüten. Sie wird irgendwann aufgeben. Das ist besser als ihr das Nest wegzunehmen. Man würde den gesamten Brutrythmus stören und dies kann sich negativ auf weitere Bruten dieser Henne auswirken.

Eifutter gibt man in der Brutphase keines.  Ab dem 12.  Tag empfiehlt sich wieder die Beifütterung des Eifutters.

Am Schlupftag werden die Jungen über den in der Bauchhöhle befindlichen Dottersack ausreichend mit Nahrung versorgt. Spätestens ab dem 2. Tag werden die winzigen Küken von der Mutter gefüttert. Ein treusorgender Kanarienvater hilft hier mit. Er würgt vorverdaute Nahrung (Körner, Ei- bzw. Aufzuchtfutter) hoch und füttert über die Mutter oder die Nestlinge direkt. Ab dem 6.  Tag kann der Speiseplan um ganz wenig Grünfutter erweitert werden.

Bis zum 6. Tag sind die kleinen Kanarien nackt. Nur auf dem Kopf und an den Flügeln haben sie ein paar Daunen. Die Augen sind noch geschlossen.

Ab dem 14. Lebenstag darf man nicht mehr unbedacht an das Nest gehen. Der Fluchttrieb regt sich und die Jungen können in Panik aus dem Nest stürzen. Das Eifutter sollte jetzt nach und nach abgesetzt und auf reines Körnerfutter mit Grünfutter umgestellt werden.
flügger Farbkanarienvogel

Wann die Jungen das Nest verlassen (flügge werden), ist unterschiedlich. Normalerweise geschieht dies innerhalb des 17. bis einschließlich 21. Tages. Allerdings erlebte ich schon, dass ein Jungvogel am 16. Tag wohl nachts wegen Überfüllung (eng wird´s mit der Zeit immer) aus dem Nest fiel, sich täglich ein Stück weiter nach oben arbeitete und dann letztendlich wieder im Nest saß. Zu dem Zeitpunkt als er oben ankam, hatten seine Geschwister das Nest verlassen und der Kleine hatte nichts besseres zu tun, als sofort ganz alleine für sich das gesamte Nest in Beschlag zu nehmen. Am 22. Tag flog er wieder aus.

Sobald das erste Küken ausfliegt, bietet man zusätzlich  grob gemahlene, zerschlagene Körner an (hier bewährt sich die Anschaffung einer Getreidemühle). Anfangs sitzen sie davor und wissen noch nicht viel mit der angebotenen Nahrung anzufangen. In dieser Lebensphase sind sie noch zwingend auf die Weiterfütterung der Eltern angewiesen und haben ohne sie keine Überlebenschance.

Jetzt reicht man am besten vermehrt Obst wie z. B. Äpfel an. Die Jungvögel ahmen die Eltern nach, probieren von allem und entwickeln schon jetzt gerne gewisse Vorlieben. Fein geriebene Möhren, junger zarter Löwenzahn und Vogelmiere (eine der wertvollsten Futterpflanzen) werden schon fleißig gekostet. Ideal ist, wenn man die Jungen bis zum ca. 33. Tag bei den Eltern belassen kann. Dann sind die Schnäbel fast ausgehärtet.

Inzwischen hat sich der Bruttrieb der beiden Elterntiere längst wieder geregt und die Henne möchte das nächste Nest bauen. Passt man nicht auf und bietet ihr kein neues Nistmaterial an, kann sie ihre flüggen Jungen regelrecht rupfen. Scheinbar wirkt das helle Federkleid der Jungen dazu auch motivierend. Dies ist leider ein großer Nachteil der Domestikation und kann sogar zum Tod der Jungen führen. Gerupfte Jungvögel bleiben in ihrer Entwicklung auf jeden Fall zurück – müssen sie doch erst wieder ein vollständiges Federkleid bilden. Hier ist wirklich große Vorsicht angesagt! Sobald man solche Rupfansätze bei der Henne bemerkt und sie nicht sofort wieder brüten lassen möchte, kann man sie aber auch rausnehmen. Eine entferntere Unterbringung der Henne ist hier ratsam. Der Hahn wird dann ungestört alleine die flüggen Jungen aufziehen.
Irish Fancy Henne mit Küken

Im Alter von 8 bis 10 Wochen beginnt die Jugendmauser. Dabei wird nur das Kleingefieder gewechselt, also alles außer Schwung- und Schwanzfedern. Das Gefieder bekommt jetzt seine richtige Ausfärbung. Zudem beginnen die Hähne meist schon mit ihrem Gesangsstudium. Nach der Jugendmauser entscheidet sich zum Beispiel bei  einem Gesangskanarienvogel wie dem Harzer Roller, welche Hähne für die Ausstellungen gesanglich trainiert werden.

Der gesamte Zuchtzyklus ist immer wieder faszinierend zu beobachten.
Von der Zusammenfindung eines Paares, der Eiablage – bis zum “fertigen Vögelchen”.  Die Geschwindigkeit, in der Größe und Gewicht der Küken zunehmen; die Bettelrufe nach Futter immer kraftvoller werden. Gleichzeitig beobachtet man, wie die Kiele und letzendlich die Federn durchbrechen, sich die Augen öffnen, die Kiele wachsen und schließlich die Farben zu sehen sind.  Später dann, wenn sie flügge und noch nicht in der Lage sind, sich selbst zu ernähren, verfolgen sie ihre Eltern richtig. Der Hunger treibt sie. Sehr viel Futter und Schutz lässt sie zu richtig hübschen Minivögelchen heranwachsen.

Die Zucht ermöglicht uns, an diesem “natürlichen Schauspiel” teilzuhaben – ich persönlich finde dies immer wieder wunderschön.